Mordfall am Ende der Welt oder das Endgültige Utopia

»Müller, was fummeln Sie da an ihrer Waffe herum, kommen Sie endlich hier rüber und helfen Sie mir!«

Müller zögerte einen Moment, bevor er der Aufforderung seines Vorgesetzten, Polizeioberkommissar Schulz, folge leistete. Schließlich sank jedoch die mattschwarze Walther PPK wieder in das Holster zurück. Der Polizist entspannte sich aber nicht komplett, denn er hatte definitiv etwas gehört da draußen im Nebel und heutzutage konnte man schließlich nie sicher genug gehen…

Als er dennoch nichts weiter mehr vernahm, stakste er durch die penibel geputzte Wohnung zu seinem älteren Kollegen rüber, der ungeduldig an der Küchenzeile wartete und zusammen begannen sie nun den Tatort zu analysieren. Das Opfer, ein junger Student mit schwarzen kurz geschnitten Haaren, der immer noch im Schlafanzug steckte, lag zusammengebrochen mit seinem Oberkörper und dem Gesicht nach unten auf der Küchenzeile des beengten Einzimmer-Apartments. Eine Eintrittswunde – offenbar von einer Kleinkaliberwaffe verursacht – befand sich genau mittig am Hinterkopf. In der Filterkaffeemaschine links neben dem Opfer kühlte sich dabei der Kaffee immer noch langsam ab, jedoch war die Menge für eine einzelne Person zu viel. In Kombination mit dem Fakt, dass es keinerlei Einbruchsspuren gab, kam Müller rasch zum Ergebnis, dass das Opfer mit seinem Mörder offenbar ein kleines Kaffeekränzchen veranstalten wollte. Wieso dann aber der Schlafanzug?

Der älterer Kollege, der sich gerade seufzend über seine schütteren und etwas verzweifelt über die Seite gegelt wirkenden Haare strich, schlussfolgerte gerade in diesem Moment das selbe.

»Armer Junge. Das Schwein hat ihn urplötzlich von hinten überrascht. Und das Opfer hat dabei den Täter für einen guten Freund gehalten. Sie waren zumindest sehr vertraut miteinander gewesen… Und wer denkt auch schon daran, dass man heutzutage noch von jemandem ermordet werden könnte. Jetzt wo das PROZEDERE beinahe abgeschlossen ist. Der Junge hätte es schon fast hinter sich gehabt. Eine Schande…«

Kopfschüttelnd stand der Hauptkommissar Schulz auf und fixierte Müller mit seinen Augen. Er hoffte wohl auf irgendeine Art von Antwort oder Bestätigung. Müller konnte Sie ihm jedoch nicht geben und zuckte stattdessen nur mitteilungslos mit den Achseln. Der Alte fuhr daraufhin fort. Er schien irgendwie angesäuert zu sein:

»Aber anscheinend gibt es immer noch welche, die sich dem PROZEDERE zur Erschaffung des endgültigen Utopias widersetzen. Das ist traurig, jedoch nicht ganz unerwartet. Ja, ja, es sind wirklich düstere Zeiten heutzutage… Kann´s kaum erwarten, bis das alles hier vorüber ist.«

Müller starrte zur Seite. Er war ein bisschen verlegen, denn er verstand sich nicht besonders gut mit seinem Kollegen und über das PROZEDERE wollte er schon gar nicht mit seinem Vorgesetzten sprechen.

Da hörte plötzlich der junge Kommissar wieder das schreckliche Geheule von draußen. Instinktiv wanderte seine rechte Hand zur Walther. Die Sicherung des Holsters löste sich mit einem Klacken. »Müller… Müller…«, sagte jedoch der alte Schulz daraufhin beruhigend und klopfte ihm auf die Schulter. Seine Stimme, mit dem er den jüngeren Kollegen tadelte, klang dabei so verächtlich und herablassend wie immer. »Wieso nehmen Sie überhaupt noch dieses Ding mit? Kennen Sie denn DAS PROZEDERE nicht? Niemand darf auf die Neperrenten schießen, solange die Verhandlungen noch laufen. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Also lassen Sie sie doch heulen und klagen. Wir können sowieso nichts dagegen tun. Und bald ist ja sowieso alles vorbei.«

Unangenehm berührt zog Müller seine Schulter von der eiskalten Hand des Vorgesetzten zurück. Ihm missfiel der nasal-belehrende Ton des älteren Polizisten. Und außerdem kannte der junge Kommissar DAS PROZEDERE genauso gut wie Schulz. DAS PROZEDERE war ja schließlich das einzige, was einem noch auf der Polizeiakademie beigebracht wurde. Alles andere – Schießübungen, das richtige Ermitteln und selbst das Lernen von Gesetzen und Konfliktbekämpfung – war mittlerweile zum Vorteil DES PROZEDERES gestrichen worden. Müller gefiel das überhaupt nicht. Da unterbrach der alte Schulz die frustrierten Gedankengänge des jungen Kollegen erneut:

»Kommen Sie, Müller! Wir sind hier fürs erste fertig. Fahren wir noch einmal zur Station zurück. In drei Tagen ist sowieso alles vorbei. Dann können wir endlich Feierabend machen. Und wer weiß? Vielleicht finden wir ja sogar noch den Mörder in dieser Zeit… Wobei ich nicht darauf wetten würde. Der Täter scheint mir äußerst geschickt vorgegangen zu sein.« Müller nickte nur steif und zusammen verließen sie nun das klaustrophobische Apartment, das eh langsam zu müffeln begann.

Draußen schlug den beiden Polizisten indessen ein dichter Schwall Nebel entgegen, der ihnen kaum zehn Meter Sichtweite ließ. Eine unangenehm beißende Kälte begleitete dabei die undurchdringlich graue Wand und piesakte den ganzen Körper mit Tausend eisigen Nadeln. Müller zog sich seine Kapuze daraufhin tief ins Gesicht. Das Geheul der Neperrenten aus dem Abgrund hatte mittlerweile jedoch aufgehört. Müller war es nur Recht. Diese gurgelnden und höhnisch lockenden Rufe aus den Tiefen des Nebels konnten nämlich selbst dem mutigsten Mann Albträume fürs Leben geben und wenn man das Pech hatte, sie auch noch leibhaftig anzutreffen, waren Albträume noch das Schönste was einem erwartete. In diesem Moment war jedoch nichts mehr zu hören außer das gelegentlich entfernte Rauschen von müden Autoreifen über nassem Asphalt. Trotzdem stellten sich die Nackenhaare des jungen Kommissars steil auf. Denn auch wenn keine Geräusche zu hören waren, begann doch jedes Mal die Fantasie verrückt zu spielen, sobald man den dichten Eisnebel DES PROZEDERES betrat. Man konnte sich ihm einfach nicht entziehen. Der Einfluss war zu mächtig, der hypnotische Sog zu stark. Schwarze Gestalten ohne bestimmbare, feste Form drangen deshalb schon nach kurzer Zeit aus den geisterhaft grauen Nebelarmen machtvoll in seine Vorstellungen ein und okkupierten bald jegliche Gedanken; zogen imaginierte Frauen und Kinder in unergründliche Tiefen hinab, um dort unten weiß Gott was mit ihnen anzustellen.

Ja, in der Tat, Müller ahnte sehr wohl um die Bösartigkeit der Abgrundbewohner, die man Neperennten nannte, jedoch war es ihm und den anderen Polizisten durch DAS PROZEDERE strengstens verboten worden, auch nur die geringsten Schritte gegen sie zu unternehmen. »DAS PROZEDERE muss eingehalten werden, damit die Ordnung aufrecht erhalten bleibt!«, sprach der Herr Schulz immer mit wichtigtuerischer Stimme bei jedem morgenlichen Briefing und was konnte ein junger Mann am Anfang seiner Karriere wie Müller schon gegen eine solch aufrechte und vernünftige Haltung des Oberen einwenden? Die Alten hatten gesagt: »DAS PROZEDERE ist gut.« Und die Jungen rebellierten dagegen, indem sie es nur umso fanatischer einhielten. Das war der Fluch jener Zeit.

Da durchbrach ein schrilles Kreischen plötzlich die angespannte Stille zwischen den beiden Polizisten. Schallwellen aus bizarren Frequenzbereichen, die nicht genau erkennen ließen, ob es sich bei dem Verursacher um einen Mann oder eine Frau handelte, spalteten den Nebel und marterten die Ohren der Polizisten. Es war ein Schrei, so voller Verzweiflung und Machtlosigkeit, dass Müller nicht mehr anders konnte. Entgegen allen Regeln zog er zitternd seine Pistole aus dem Holster und zielte mit weit aufgerissenen Augen in den Nebel hinein. Sein Kollege sagte irgendetwas neben ihm, aber der unmenschliche Schrei schien ihnen ihre Stimmen genommen zu haben. Müller verstand gar nichts mehr.

Dann waren da auf einmal abgehakte Bewegungen vor den beiden Polizisten im Nebel. Schwarze verdrehte Arme und Beine ohne Körper tanzten wie hinter einem stark angelaufenem Milchglas, sodass man nichts näheres erkennen konnte. Ungelenke Schritte kratzten über den nassen Asphalt und ein stöhnendes Seufzen wie von hundert gepeinigten und verdammten Seelen hob sich an.

»Müller, was tun Sie denn da?«, konnte er endlich seinen Kollegen verstehen, »Sie sehen ja ganz verschwitzt aus! Kommen Sie, ich bring Sie zum Auto. Der Fall scheint sie ja wirklich mitzunehmen…«

Schulz zog ihn am Ärmel und widerstandslos ließ sich Müller von diesem grauenvollen Ort wegführen. Er hatte für heute genug gehabt. Dieses ständige Geheule, die Abgründe, die sich im Boden auftaten, das Morden, die Apathie, die Angst, die Leere und schließlich: Das drohende, allgegenwärtige Ende; Müller schloss müde die Augen und dachte nach. Noch drei Tage, dann war es endlich vorbei. In drei Tagen würde er gemütlich mit seiner Familie am Esstisch sitzen und mit ihnen geduldig warten, bis das Ende schließlich kam. Noch drei kurze Tage… Noch drei so endlos lange Tage.

Müller machte die Augen wieder auf und bemerkte überrascht, dass sie schon die verwaiste Hauptstraße zur Polizeistation entlangfuhren. Er musste wohl in der Zwischenzeit ohnmächtig geworden sein.

»Na, ausgeschlafen, Junge?«, kam es dann auch prompt sarkastisch von der Fahrerseite, »Sie sollten wirklich mehr auf sich acht geben, Mann. Sie sind mir da draußen komplett weggekippt. Ich konnte Sie gerade noch zum Auto schleifen. Die Neperrenten wollten sie sogar schon mitnehmen. Hab ich gerade noch verhindern können. Da schulden Sie mir aber jetzt einiges, Müller!« Müller gähnte nur, ohne etwas zu sagen und starrte missmutig nach draußen.

Ja, es wurmte ihn, dass er Schulz nun wirklich etwas schuldig war. Wenn er daran dachte, dass er ohne seinen wachsamen Vorgesetzten in diesem Moment unten bei den Neperrenten weilen würde, verspürte er ärgerlicherweise sogar so etwas wie Dankbarkeit. Immerhin konnte er nun den letzten Tag mit seiner Frau und seinen zwei Kindern verbringen. Das musste er wohl oder übel seinem Kollegen Schulz anrechnen.

Draußen zogen indessen die verlassenen Häuser der Stadt an ihnen vorüber. Blinde, vernagelte Fenster starrten auf leere Straßen und düstere Gesichter unter tiefen Kapuzen verborgen, huschten hastig durch den dichten Nebel, worin Schemen mit viel zu vielen Beinen und Armen herumkrochen. Um sich von dieser melancholischen Szenerie abzulenken schaltete Müller das Radio ein und drehte es dabei fast ohrenbetäubend laut. Es kam gerade eine Verkehrsnachricht durch:

»…MEHRERE TOTE BEI VERKEHRSUNFALL AUF DER A8 RICHTUNG MÜNCHEN. AUGENZEUGEN SPRECHEN VON EINEM NEPERRENTEN-ABGRUND, DER SICH PLÖTZLICH MITTEN AUF DER NEUSANIERTEN AUTOBAHN AUFGETAN HATTE. VON DER REGIERUNG GIBT ES BISHER NOCH KEINE STELLUNGNAHME DAZU, DA DER UMZUG NACH WEIBYLON IMMER NOCH IM GANGE IST. UND NUN ZURÜCK ZU DIR, PEtra…« Der alte Schulz drehte die gelangweilte Stimme des Radiomoderatoren wieder leiser, bis er schließlich ganz verstummte. Müller kam es dabei so vor, als wäre der Sprecher geradezu beleidigt, dermaßen unhöflich abgewürgt zu werden.

»Nichts als Unfug kommt heutzutage in den Nachrichten. Die sollen mal wieder etwas Nettes bringen.« Schulz trommelte sichtlich genervt auf dem Lenkrad. «Ach, und übrigens, Müller, kontaktierten Sie das HQ. Wir sollten unseren jetzigen Status durchgeben…und vielleicht wäre es nicht schlecht, mal nachzusehen, ob die Jungs überhaupt noch da sind. Viele Kollegen scheinen immerhin zu meinen, dass sie einfach schon vor dem offiziellen Ende Schicht im Schacht machen könnten. Wirklich… Was für Flegel!«

Der junge Kommissar tat wie ihm geheißen und wählte am Sprechgerät die verschlüsselte Frequenz der Polizeistation aus.

»Hier Müller, wir kommen gerade vom Tatort im Univiertel zurück. Sind auf dem Weg zur Station. Seid ihr noch da? Ende.«

Zuerst kam für einige Minuten nur ein leeres Rauschen und Knirschen aus dem Apparat zurück und der junge Kommissar rechnete schon fast damit, dass die Station bereits gefallen wäre – immerhin befand sich seit gestern direkt daneben ein gigantisches Neperrenten-Loch – aber zu seiner Erleichterung kam nach einer Weile äußerst schwach aber noch verständlich die apathische Stimme einer dösigen Frau durch:

»Ja, hier Polizeistation-Hauptquartier. Sind noch da. Ach ja, Müller, Schulz: Der Chef hat gleich einen neuen Auftrag für euch. Der letzte für heute. Ihr sollt einen Experten von der Station zum Rathaus begleiten. Kriegt ihr beiden das hin?«

Müller sah verblüfft auf die Sprechanlage, doch diese schwieg wieder. Einen Experten eskortieren? Das war doch keine Kommissar-Arbeit. Und ein Experte wofür überhaupt? Da schaltete sich räuspernd sein Kollege ein:

»Sind auf dem Weg. Sagen sie aber dem Experten, er soll vor dem Tor warten, aber sich vom Loch gefälligst fernhalten! Wir holen ihn ungefähr in zwanzig Minuten ab, Ende.«

Dann schwiegen sie wieder. Nach einer gewissen Weile bogen die beiden schließlich nach rechts in die Innenstadt ab, kamen aber weiterhin wegen des dichten, allumgebenden Nebels nur sehr langsam voran. Müller hatte dabei urplötzlich das bedrängende Gefühl, dass diese graue, düstere Masse da draußen mittlerweile sogar noch fester und undurchdringlicher geworden wäre. Man konnte immerhin fast gar nichts mehr erkennen. Selbst mit den grellen Lichtkegeln des Autos ließ sich diese Wand nicht niederringen.

Wie ein Leichentuch bedeckte der ewig anhaltende Nebel DES PROZEDERES langsam die gesamte Welt und versteckte das Sterben der menschlichen Rasse. Müller fand das jedoch durchaus gut so, auch sein Kollege Schulz fand es gut so, die Regierung fand es gut so, das Volk fand es gut so und ebenso die ganze gesamte Menschheit. Man musste ja nicht alles sehen, und die mannigfaltigen Geräusche überall im Nebel genügten bereits durchaus, um erahnen zu lassen, was vor sich ging: Diese halb erstickten, widerhallenden Hilfeschreie in der Ferne, die gelegentlich auf Taube Ohren fielen, sowie dieses boshafte Kratzen eifrig marschierender Neperrenten-Füße über zersprungenem Asphalt, oder aber auch das reißende Geräusch von Fleisch hinter jenem Zaun, an dem sie gerade vorbeifuhren;

Die schrecklich betörende Sinfoníe des Untergangs bildete sich aus all diesen verschiedenen Tönen. Und das war, ehrlich gesagt, schon mehr als genug; da musste man auch nicht mehr die Bilder dazu sehen.

»Wir sind da«, bellte Schulz plötzlich und riss den jungen Polizisten damit aus seinen ewig kreisenden Gedanken, »ich seh den Experten aber nicht. Gehen Sie mal raus und schauen Sie nach, ob er vielleicht gefressen worden ist, oder so. Bleiben Sie aber nicht zu lange weg. Wenn sie in zehn Minuten nicht wieder da sind, mache ich nämlich Feierabend. Haben Sie verstanden?«

Müller nickte seinem Kollegen zu und stieg mit pochendem Herzen aus dem Auto aus. Sofort umfing ihn wieder der dichte Nebel, dessen eigenartig zähe Masse seinen Körper mit fühlenden Fingern umgriff. Sich durch den Nebel vorwärts zu bewegen, war in der Tat ähnlich wie durch dünnes Gilet zu waten. Und dazu kam noch diese unheimliche Kälte, die ihn innerlich frieren ließ, während die Haut darüber fiebrig brannte; Woher dieser giftige Nebel kam und welchem Zweck er diente, darüber konnte nur spekuliert werden. Die Regierung behauptete zumindest felsenfest, dass er nicht mit den Neperrenten in Verbindung stand, sondern anderen Ursprungs war. Ob das tatsächlich der Wahrheit entsprach, konnte der junge Polizeikommissar nicht mehr beurteilen, denn ihm fehlte in letzter Zeit sein altes und bestechend klares Urteilsvermögen, auf das er eigentlich sonst immer so stolz gewesen war. Ja, der Nebel schien auf eine gewisse Weise jegliche Sinne zu verkleben und machte blind für alles, was lauerte. Ein idealer Jagdgrund….

Müller kniff jedoch trotz der unübersichtlichen Lage und seiner diffusen Ängste die Augen zusammen und starrte angestrengt durch die graue Nebelwand vor ihm.

In der Ferne sah er die drei spitzen Türme der Polizeistation geisterhaft wie schwarze, knöchrige Finger einer sehnigen Hand aus dem Nebelsumpf herausragen. Beklommen stellte er jedoch fest, dass nur noch wenige Lichter in dem bewohnten Teil des alterwürdigen Gebäudes schwach vor sich hinbrannten. Ja, es waren sogar noch viel weniger seit seinem letzten Besuch geworden. Der verwaiste Rest des Gebäudes war hingegen schon seit langer Zeit verdunkelt und abgestorben. Manche Menschen behaupten sogar, der Tod hätte schon seine Finger nach der Station ausgestreckt, bevor die Neperrenten überhaupt aus ihren Höhlen gekrochen waren.

Müller, der versuchte, diese unguten Gedanken abzuschütteln, setzte sich kurzerhand in Bewegung. Das Reiben seiner starren Polizeiuniform sowie das dumpfe Stapfen der Stiefel auf dem aufgebrochenen Asphalt waren die einzigen Geräusche, die in dieser geisterhaft leeren Umgebung zu hören waren. Müller beschleunigte seinen Schritt. Wenn er den Experten schnell genug fand, konnte er immerhin wieder zurück ins schöne warme Auto. Ansonsten würde er hier draußen erfrieren, oder noch Schlimmeres…

In der Ferne sah er nämlich schon, wie stöhnende Gestalten mit abgehakten und unnatürlichen Bewegungen, die ihrer tatsächlichen Anatomie spotteten, durch den Nebel krochen. Der Wind, der so schwach wehte, dass er kaum zu spüren war, brachte Müller dabei aus dieser Richtung den Gestank von süßlicher Verwesung und metallischem Blut entgegen. Es gab also keine Zweifel: Es waren Neperrenten und höchstwahrscheinlich auf der Jagd nach Menschen.

In dem vergeblichen Versuch sich selbst zu ermutigen, griff Müller zum Holster und entsicherte mit vereisten Fingern ungelenk seine Waffe. Es war ihm dabei durchaus klar, dass DAS PROZEDERE einen bewaffneten Angriff auf die Abgrundlinge absolut verbot, auch wenn es in Selbstverteidigung geschah. Neperrenten waren unter dem neuen Sytem nämlich heilig und unverletzlich, niemand durfte sie in ihrer unheiligen Arbeit stören. So wollte es DAS PROZEDERE. Dennoch drang der nervöse Kommissar immer weiter in den unheimlichen Nebel ein. Die hohen Türme der Station rückten dabei langsam aber stetig näher; mittlerweile erkannte er sogar die gigantisch großen Marmorsteine, aus denen das pechschwarze Gebäude errichtet worden war. Ein jeder einzelne von ihnen mochte ein paar Tonnen wiegen. Weiter oben an der Station umhüllten hingegen zahlreiche goldfarbene und sehr elegant geformte Rahmen bunte Milchglasfenster. Es war offensichtlich ein sehr altes und prunkvolles Gebäude; von den Vorfahren erbaut und nun dem Verfall anheimgegeben. So wollte es DAS PROZEDERE.

Da erspähte Müller vor ihm im Nebel plötzlich einen roten Schein, konnte aber dessen Beschaffenheit und Ursache zunächst nicht genauer erkennen. Als er jedoch näher herangekommen war, erblickte er schließlich überrascht einen hageren Menschen mit schwarzem, ungekämmtem Haar, der auf seinen Knien hockte und angespannt sowie vollkommen weltvergessen in das große Neperrenten-Loch vor der Station hinabstarrte. Seine rote Warnweste strahlte dabei weithin in den Nebel hinaus und mochte weiß Gott was aus den Schatten anlocken. Müller räusperte sich. Angespannt huschte seine Stimme durch die drückende Stille.

»Hey, Sie! Sie sind doch der Experte? Sind Sie etwa verrückt geworden? Gehen Sie doch von dem Abgrund da weg.«

Der Experte schien zuerst nicht zu reagieren. Dann jedoch nach einer kurzen Weile tat er genau das Gegenteil von Müllers Anweisung; er beugte sich noch tiefer in das Loch hinab, während seine Hände angestrengt mit einem Pinsel über ein großes Blatt Papier fuhren, dass er zu seiner Seite abgelegt hatte. Er war vollkommen in seiner Arbeit vertieft und mit der Stimme allein konnte man ihn offenbar nicht aus seiner eigenartigen Trance befreien. Deshalb sah Müller keinen anderen Weg: Wütend stapfte der Kommissar zu ihm rüber und gab ihm einen festen Handschlag auf den schütteren Hinterkopf. Doch selbst das brachte ihn nur langsam aus seinem tranceartigen Zustand zurück. Murmelnd schüttelte der Mann mit dem wirren Haar nun seinen Kopf hin und her, zog Müller am Ärmel zu sich herab und sagte mit überbordender Faszination in der Stimme:

»Da, sieh nur! Sieh nur! Wer hat jemals schon so etwas wundervolles gesehen. Absolut faszinierend!« Die Kraft des Fremden war eigentümlich stark. Beinahe ruckartig wurde der junge Polizist zu Boden gerissen. Unter einiger Anstrengung konnte er sich jedoch trotz des stahlharten Griffs keuchend von dem seltsamen Mann wieder losmachen. Aber dann, als er sich gerade wieder aufrichtete und seine Uniform zurecht machen wollte, da sah er es mit eigenen Augen: Da war tatsächlich eine Kirche in dem Abgrund da unten!

Das Loch, an dem die beiden knieten und an dessen Boden sich die Kirche befand, besaß dabei einen Umfang von ganzen 50 Metern; in den steilen, äußeren Felswänden des Abgrunds fraßen sich hunderte und aberhunderte von weiteren kleinen Tunneleingängen hinein und ließen somit ein gigantisches Netz unter der Stadt vermuten.

Niemand wusste genau, wie groß das Neperrenten-Reich unter der Erde eigentlich war. Das interessierte Müller jedoch in diesem Moment nicht einmal. Mit der gleichen Faszination in den Augen wie der rotgekleidete Experte starrte er nun in das Loch zum bizarren Gottesbau hinunter.

Die Kirche im Abgrund war im gotischen Stil gehalten, mit dem typisch spitzen Turm und halbbogenförmigen Buntglasfenstern. Jedoch stimmte – trotz aller offenkundigen Verwandtheit zu den Kirchen der Menschen – etwas nicht mit ihr. Irgendetwas war anders… falsch. Als Müller endlich erkannte, was ihm bei dem Anblick dieses Baus so sehr Unbehagen bereitete, lief ein kaltes Grausen über seinen Rücken hinunter.

»Sehen Sie nur, Herr Polizist. Sie wollen so sein wie wir. Sie ahmen uns nach!«

Das heisere Lachen des Experten schallte über den ganzen Vorplatz der Station. Müller schüttelte jedoch nur den Kopf und antwortete:

»Nein, sie verspotten uns.«

Daraufhin stand er auf und zog den sich widerstrebenden Experten hektisch mit sich. »Kommen Sie! Wir müssen zurück zum Auto, oder mein Kollege fährt ohne uns los. Und Sie wollen doch sicherlich nicht hier alleine herumwandern. Vor allem wenn es bald Nacht wird.«

Der Experte brummte unzufrieden vor sich hin, ansonsten gab er jedoch auf dem Weg Ruhe. Nach ungefähr einer verstrichenen Minute sah Müller also endlich erleichtert die Scheinwerfer ihres Polizeiwagens. Der kurze Ausflug in den Nebel war ihm selbst so lang wie eine kleine Ewigkeit vorgekommen.

Da stieg auch Kollege Schulz aus dem Auto und grüßte Müller mit einem kurzen Nicken, den Experten würdigte er hingegen keines Blickes. Ja, er schien sogar irgendwie angefressen zu sein. Seine leichte Ungeduld verratend stapften die Stiefel des Alten auf dem Boden. Der junge Kommissar beschäftigte sich jedoch nicht weiter mit den Kapriolen seines Vorgesetzten. Er war einfach nur froh, dem düsteren Nebel aufs Neue entkommen zu sein. Nachdem sie sich also kurz zugenickt haben, stiegen die beiden Polizisten endlich mit ihrem neuen Schützling wieder in den Wagen und fuhren los; weiter hinein in das Leichentuch, das nun die ganze Welt bedeckte.

Verlassene Straßen, düstere zusammengebrochene Häuser und Menschen mit leerem Blick und Sinn zogen für eine Weile an ihnen vorbei. Müller fragte sich bei diesem Anblick, wie viele Menschen es überhaupt noch geben mochte. Die Zeitungen berichteten natürlich dazu nichts, aber er selbst ging anhand seiner eigenen Beobachtungen davon aus, dass die Neperrenten mittlerweile die Hälfte der Bevölkerung verschlungen hatten. Gestern hatte ihm seine Frau noch berichtet, dass ihre einstmals blühende Nachbarschaft seit neuestens komplett leer stände, bis auf eine alte und schon fast blinde Frau namens Elsa, die im Haus gegenüber wohnte. Müllers Ehefrau schickte auch ihre beiden Kinder gar nicht mehr zur Schule. Es war nämlich viel zu gefährlich mittlerweile… zumindest ihrer Meinung nach. Müller selbst hatte zwar dagegen protestiert, aber er war sich nicht sicher, ob er ihr nicht doch zustimmen sollte. Zwar besagte nämlich DAS PROZEDERE eine Schulpflicht bis zum Ende, aber andererseits konnte man mittlerweile schon am helllichten Tage gleich neben ihrem Haus in viel zu regelmäßigen Abständen Neperrentengeheule hören. Bei diesen Gedanken nahm sich Müller deshalb auch vor, so schnell wie möglich zu Hause anzurufen, um sich zu vergewissern, dass es ihr und den Kindern noch gut ging.

Er machte sich aber nicht nur wegen der Neperrenten Sorgen, sondern seine Frau wurde auch psychisch gesehen letztens immer hysterischer. Vor allem war sie aber eine derjenigen, die sich nur schwer mit dem allgegenwärtigen Ende abfinden konnten. Somit griff Müller also schon geistesabwesend zu seinem Handy, um die Nummer von zu Hause einzutippen, verwarf den Gedanken dann aber doch wieder kopfschüttelnd. Stattdessen fragte er, um sich von seinen eigenen Ideen abzulenken, den Experten:

»Worin genau sind Sie denn eigentlich Experte? Soweit ich weiß, wurde das Neperrenten-Forschungsinstitut schon vor langer Zeit geschlossen, weil alle Experten ja bei diesem einen grässlichen Ereignis gestorben sind. In welcher Richtung forschen also Sie?«

Der Experte, der die ganze Zeit nur geistesabwesend und gelangweilt zum Autofenster hinaus gestarrt hatte, wurde auf Müllers Interesse hin plötzlich sehr lebhaft und nickte eifrig Müller zu.

»Ja, ja, ja! Ich gehöre wo ganz anders hin! Ganz, ganz woanders. Ich gehöre nämlich zu dem Team, dass die Welt schlussendlich retten wird. Sie haben ja alle sicherlich gehört, dass in 3 Tagen die Welt untergeht, oder? Nun ja, ich und die Organisation für die ich arbeite, haben einen Weg gefunden, um genau das aufzuhalten! Tja!«

Müller keuchte überrascht und selbst der sonst so stoische Schulz verriss beinahe das Lenkrad.

»S..Sie wollen mich verarschen, oder?«

»Nein, nein, nein!«, unterbrach ihn der Experte mit wild blitzenden Augen und bevor Müller nachhaken konnte, ergoss sich der Rote in einem Schwall von Erklärungen:

»Sie wissen, ja? Die Sprache der Neperrenten ist unheimlich komplex. Es gibt hunderte von verschiedenen grammatikalischen Regeln, die sich alle für die geschriebene-, gesprochene- und sogar gelesene Sprache unterscheiden. Dazu kommen noch Hunderttausend Ausnahmen. Aber auch die Laute sind schier enorm in der Anzahl. Die deutsche Sprache besitzt beispielsweise fünf unterschiedliche Vokale. Die Neperrenten kennen hingegen 500. Die deutsche Sprache hat ungefähr 20 verschiedenen Konsonanten; von den Neperrenten wissen wir nun ungefähr 30.000 Einzelne zu unterscheiden.

Sie können es sich also sicher vorstellen: Es hat uns unheimlich viele Jahre gekostet, überhaupt soweit zu kommen, aber nun sind wir endlich beinahe am Ziel. Wir haben nun ungefähr so Pi mal Daumen, geschätztermaßen, prozentual gesehen 5% der Sprache entschlüsselt. Und wenn wir schließlich den Rest entschlüsselt haben, dann werden wir endlich mit ihnen kommunizieren können. Unglaublich!« Müller blickte verwirrt in das begeisterte Gesicht des Experten hinter ihm. Die weit aufgerissenen Augen in den tiefen Höhlen verrieten einen schon fortgeschrittenen Wahnsinn. Der Polizist wollte trotzdem weiterbohren:

»Aber was bringt uns das weiter? Wir wissen ja schließlich, was die Neperrenten wollen, dazu müssen wir ihre Sprache nicht kennen, sondern nur ihre Handlungen analysieren.«

Der Experte schüttelte angestrengt den Kopf hin und her. Auf Müller wirkte er nun eher nicht wie ein Retter der Menschheit, sondern mehr wie ein beleidigtes Kind mit hochrotem Kopf.

»Nein! Nein! Nein! Sie verstehen absolut nicht. Wie können Sie auch?- Sie sind ja immerhin Polizist und kein Experte. Sehen Sie: Sobald wir die Sprache der Neperrenten verstehen, werden wir mit ihnen verhandeln und Frieden schließen können. Wie wir ja alle wissen, waren die Neperrenten ursprünglich Engel, die zu uns geschickt worden waren, um uns von unseren Sünden zu erlösen und das endgültige Utopia zu errichten, aber… anscheinend müssen irgendwelche bösen Menschen unter uns sie mit irgendwas verärgert haben. Doch wenn wir schließlich ihre Sprache verstehen, können wir diese Misere ganz einfach aufklären. Verstehen Sie doch: Die Welt wird nicht untergehen! Und schon gar nicht in drei Tagen…«

Müller schwieg, als er sah, wie der Fanatismus im Augenweiß des Experten die restliche Vernunft auffraß und konzentrierte sich lieber wieder auf die Straße vor ihnen. Der Kollege Schulz räusperte sich ebenfalls unangenehm berührt, blieb ansonsten aber auch still. Und so fuhren sie weiter durch die aussterbende Stadt dahin, fuhren durch das Chaos des sich anbahnenden Endes, während Müller aus dem Fenster starrte und sich leise fragte, welche Engel schon jemals aus dunklen Höhlen und verschlammten Straßenlöchern herausgekrochen waren.

Weil sie sonst nicht wussten wohin ließen sie schließlich den Experten vor dem großen Rathaus mit den vergitterten Fenstern und vielen Wachtürmen raus. Müller war sich dabei zwar nicht ganz sicher, aber er meinte, nur für den Bruchteil einer Sekunde eine Hand gesehen zu haben, die den Roten ruckartig von hinten gepackt und mit sich in den Nebel gezogen hatte, gerade als sie wieder losgefahren waren.

»Das sind nur ihre müden Augen. Da ist überhaupt nichts«, beruhigte ihn Schulz jedoch grummelnd und deshalb ließ er das Thema wieder fallen. Vielleicht hatte der Kollege ja sogar recht. Es war immerhin schon später Abend geworden und nach einem solch langen Tag mochten sich viele Dämonen zeigen – manche existierten, andere wiederum nicht. Während Müller also in unzusammenhängenden Gedankenfetzen schwebte, brachte ihn Schulz heim zu seiner Familie. Der alte Kommissar selbst fuhr dabei nach einem kurzen Abschiedswort weiter zur Polizeistation, wo er, soweit Müller es wusste, auch lebte. Melancholisch sah der junge Polizist den kläglichen Lichtern des langsam im Nebel verschwindenden Autos noch eine Weile hinterher.

Er zögerte, wusste aber nicht wieso, in das Haus hineinzugehen. Seine Frau war wahrscheinlich wieder sauer auf ihn – das war sie immer – aber das stellte, so glaubte er, nicht den Grund seines Zögerns dar. Nach ein paar Minuten schüttelte er schließlich die seltsame Steifheit jedoch ab und trat durch die niedrige Türe hinein in das schummrig beleuchtete Vorzimmer. Er roch Essen. Erst jetzt merkte er, wie hungrig er eigentlich war. Leise also wie ein Tiger mit leerem Magen, der sich an seine Beute heranpirschte, öffnete er die Türe zu dem langen Flur.

Doch seine Frau stand schon direkt vor ihm. Entgeistert starrte er sie ihn an. Und bevor er auch nur den geringsten Ton der Überraschung rausbringenkonnte, fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn innig. Heiß fuhren ihre Lippen über seinen Mund und seinen Hals, leise hauchte sie kraftlose Worte:

»Bitte bleib hier. Geh nicht mehr weg! Die Neperrenten! Sie waren heute schon da… in aller Früh vor dem Haus. Ich wollte die Kinder wieder in die Schule schicken, so wie du´s mir auch gesagt hast, aber dann standen diese… Dinger da draußen. Unsere Kinder! I…ich hab sie gerade noch zur Tür wieder reinziehen können. Den Max hätten sie mir aber beinahe erwischt. Ich hab solche Angst, Schatz. Sie haben sogar die Nachbarin, die alte Elsa von drüben, haben sie geholt! Ich hab´s mit eigenen Augen gesehen. Sie waren auf einmal in ihrem Haus drinnen. Und… Und… dann diese Schreie! Und morgen! Morgen werden sie in unser´s kommen. Ich weiß es ganz genau! Ich…«

»Sschhh«, beruhigte Müller seine aufgebrachte Frau und stieß sie dabei ein bisschen von sich weg, um sich Luft zu verschaffen. »Es ist ja alles gut«, versuchte er nüchtern und mutig zu klingen, »Und wenn ihr euch ruhig verhaltet, dann werden die Neperrenten ganz sicher nicht kommen. Sie kommen immer nur zu denen, die laut sind. Das weißt du doch, Schatz.« Müller wusste natürlich, dass das Quatsch war, aber irgendetwas musste er ja sagen.

»Lügner«, schluchzte seine Frau, während ihre Tränen langsam in seine Jacke sickerten. Aber was konnte der junge Polizist denn schon tun? Es war ja nicht sein Plan gewesen, in einer Zeit aufzuwachsen, in der das Ende der Welt schon feststand. Er hätte auch Pläne gehabt: Karriere machen, seinen Kindern beim Wachsen zusehen, in Rente gehen und sich dann schließlich einen schönen Lebensabend machen; Nichts davon war mehr erreichbar. DAS PROZEDERE wollte es so.

»Ich kann dieses elendige PROZEDERE nicht mehr hören. Sie haben gesagt, es würde alles gut werden. Sie haben gesagt, wir müssten uns vor nichts fürchten. Und jetzt? Jetzt sagen sie uns einfach, wir sollen stillhalten und auf das Ende warten? Ich scheiß auf DAS PROZEDERE! Es hat nie irgendwas gebracht. Es ist doch alles nur Betrug!« Ihre Worte trommelten ebenso wie ihre Fäuste wütend auf seiner Brust. Müllers müder Körper versteifte sich unter ihren harschen Anklagen. Es war, als würde er in ihrer heiseren Verzweiflung ertrinken. Zweifel machten sich dabei langsam in ihm breit. Vielleicht hätte er sich doch dem allen widersetzen sollen, bevor es zu spät gewesen war. Und das wütende Schluchzen und frustrierte Hämmern seiner Frau drang diese Gedanken wie einen Pflock nur noch tiefer in seine Brust, in sein Herz hinein. Er konnte nicht mehr widersprechen. Das dräuende schlechte Gewissen hatte nämlich seine sonst so kräftige Stimme verschluckt.

Da schallte es urplötzlich und ohne Vorwarnung laut zum Fenster herein. Müller meinte schon in einem Moment blitzartigen Entsetzens, dass die Neperrenten endlich auch bei ihnen anklopfen würden, aber es war letztlich nicht die Stimme eines Abgrundlings, die da dort so schrill wie Fingernägel auf einer Tafel kratzte:

»Das ist Hass! Ich hab´s ganz genau gehört. Die Leute VOM PROZEDERE werden das erfahren! Ich hab hier zwei Aufrührer. Gleich zwei Aufrührer hab ich auf einen Streich! Ha! Ich verstehe euch einfach nicht. Wie könnt ihr nur so undankbar sein, ihr jungen Leut? Was schindet sich denn DAS PROZEDERE für euch nicht ab?! Aber jetzt ist mein Geduldsfaden gerissen. Lange genug habe ich euch beobachtet. Jahrelang sogar! Und jetzt hab ich genug Material. Ich geh jetzt gleich zur Kommission und die werden euch abholen kommen! Das habt ihr nun davon. Aber Gesindel wie euch ist eh nicht zu helfen. Ihr wollt ja nur unseren Frieden und unsere schöne freie Gesellschaft zerstören. Ihr widert mich einfach nur an!«

Bedrückt und mit eisigen Herzen hielten sich die Liebenden in den Armen, hörten der geifernden Anklage widerspruchslos zu. Es war die alte Nachbarin Elsa, die da draußen stand, mit abgerissenen Ohren und zerschlagenen Zähnen. Das ganze Gesicht war von großen Krallen wüst entstellt, aber ihre Augen funktionierten noch und mit denen konnte sie offenbar Lippen lesen. Müller drückte seine Frau unwillkürlich fester in seine starken Arme, nahm noch einmal ihren süßen Geruch in sich auf. Vielleicht war es ja nun das letzte Mal, dass er sie so nah an sich halten konnte, denn die Kommission war immer viel zu schnell bei ihren Abholungen. Vielleicht kamen sie ja schon in der nächsten Sekunde zur Tür herein. Wer konnte das schon wissen?

»Es tut mir leid«, flüsterte er deshalb bange seiner zitternden Frau ins Ohr. Ihre Nägel gruben sich dabei verzweifelt in seinen Rücken und hinterließen tiefe Furchen. Kam das Ende jetzt schon? Ganze drei Tage zu früh?

Da fing urplötzlich die alte Zausel draußen vor dem Fenster erneut zu kreischen und zu flehen an, aber es half alles nichts: der Neperrent war zurückgekommen, um seine entflohene Beute wieder einzufangen. Sie wurde nun von dreißig Händen gleichzeitig gepackt und erbarmungslos über den Boden hinweg geschleift. Ein paar Minuten lang hörten sie also noch das grausige Geschreie und Geheule der alten Frau, das Schleifen ihres Körpers wie einen nassen Sack über Zement, doch immer weiter entfernte sich die warnende Sirene, bis sie schlussendlich vollkommen irgendwo auf der Nordseite ihres Hauses verstummte. Nach weiteren zehn verstrichenen Minuten atmeten die beiden endlich erleichtert auf. Müller und seine Frau waren gerade noch einmal davongekommen. »Bleib hier!«, hauchte sie ihm sinnlos ins Ohr.

Am nächsten Morgen stand der Kollege Schulz noch vor der Tagesanbruch in seiner Tür und fragte ihn: »Sie wissen Bescheid, Müller? Wegen dem Mord, meine ich.«

»Klar«, antwortete ihm Müller trocken und fuhr sich über sein unrasiertes und müdes Gesicht.

»Dann müssen Sie mich jetzt verhaften und verurteilen lassen. Ein Mörder kann schließlich nicht frei herumlaufen. Auch nicht kurz vor dem Ende der Welt. Die Ordnung muss aufrecht erhalten bleiben!« Müller blickte lustlos auf seinen adrett in Zeremonien-Uniform gekleideten Kollegen, der erwartungsvoll zurückstarrte. Der junge Kommissar gähnte jedoch nur:

»Wieso haben Sie den armen Jungen überhaupt umgebracht? Sind Sie denn nicht Polizist? Und das dann auch noch drei Tage vor Weltenende. Ich hätte mir eigentlich gerne die letzten zwei Tage freigenommen, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen, wissen Sie?« Der junge Kommissar wollte mit diesen Worten seinem Vorgesetzten somit gerade die Tür vor der Nase zuschlagen, dieser stellte jedoch geschwind einen Fuß in die Türkante und bettelte ungerührt weiter:

»Wieso stellen Sie Fragen und machen gleichzeitig die Türe zu? Wollen Sie denn überhaupt nicht die Auflösung wissen? Kommen Sie, Müller! Sie schulden mir noch was! Und außerdem verspreche ich Ihnen, dass wir nur einen Tag brauchen werden. Mehr brauchen wir wirklich nicht. Und Morgen werden sie fröhlich mit ihrer Familie vereint sein und dem Ende ruhig entgegenblicken. Aber erst muss die Ordnung wiederhergestellt werden!«

Müller seufzte genervt, blickte sich noch einmal in dem Vorzimmer um – aber es war keine Frau da, um ihn aufzuhalten – und zog sich schließlich widerwillig an. Der mörderische Kollege musste ihn trotzdem praktisch zum Auto hinschleifen. Als sie dann endlich in dem stickigen Kabuff drinnen saßen, konnte dieser es gar nicht erwarten, ihm alles zu beichten:

»Wissen Sie, wieso ich den armen Jungen in der Küche umgelegt habe? War ja schließlich mein Bekannter. Diese Wendung hätte niemand ahnen können, oder?«

Müller antwortete nicht und konzentrierte sich lieber auf die vernebelte Straße vor ihnen.

»Und außerdem war ich immer ein guter und zuverlässiger Kollege«, fuhr deshalb der alte Mann beinahe so begeistert wie ein kleiner Junge fort, »Äußerst pünktlich und gewissenhaft. So steht es in meinem Führungszeugnis, Müller! Da können Sie sich noch ein Vorbild an mir nehmen!« Müller musste gerade mit quietschenden Reifen und schwitzigen Händen Trümmerteile auf der Straße ausweichen. Deshalb konnte er ihm nicht antworten.

»Ich wollte ihn eigentlich nicht töten, aber dann hab ich es doch getan.«

Müller drehte sich nun doch überrascht zu seinen Kollegen hin, der mittlerweile nur noch mühsam seine Tränen unterdrücken konnte. »Es ist ja nur so, Sie, Müller, Sie haben doch ihre Familie mit der Sie Zeit verbringen können. Ich hab aber seit Beginn der großen Apathie ja gar nichts mehr. Können Sie sich das vorstellen? Kein Mensch begeht mehr Verbrechen. Am Anfang des Untergangs waren ja noch alle hysterisch, aggressiv, haben gestohlen und gemordet; es war eine gute Zeit für einen Polizisten, aber nun? Jetzt stehen alle nur noch lahm in der Gegend rum und warten darauf abgeholt zu werden, entweder von der Kommission oder den Neperrenten. Und für uns Polizisten? Für uns bleibt gar nichts mehr zu tun! Finden Sie das etwa fair?«

»Aha, und deshalb musste der Junge sterben? Weil Sie sich mit Polizeiarbeit ablenken wollten?«

Der Kollege Schulz wurde auf diese Frage hin seltsam still. Vielleicht fand er auch, dass sich seine Gedanken plötzlich dumm anhörten, wenn sie jemand anderes äußerte. Denn wer mochte seinen inneren Wesenskern schon ungeschützt in der Hand eines Fremden sehen? Er schwieg und Müller schwieg ebenso. Sie beide hatten sich nun nichts mehr zu sagen.

Zuerst machten die Polizisten sich auf dem Weg zur Polizeistation; Als sie auf dem großen Platz davor ankamen, waren ihre Türme aber bereits halb untergegangen in einem Meer aus Sand und hell loderndem Feuer. Ohne etwas ausgerichtet zu haben, mussten die beiden also wieder umkehren.

Danach begaben sie sich zum alterwürdigen Justizpalast mitten in der Stadt und frohlockten, als sie sahen, dass er noch bestand hatte. Einmal durch das hohe Bogenportal geschritten, erkannten sie jedoch schließlich, nachdem sie durch Tausende und Abertausende von Zimmer gestreift waren, dass hier niemand mehr war. Nur eine einzelne Reinigungsdame fanden sie noch im 212. Stock, die ein einsames Lied auf ihren Lippen maßvoll balancierte. Respektvoll, wie die Polizisten waren, störten sie sie nicht weiter und stiegen wieder ins Auto.

Ihr drittes Ziel war nunmehr der Reichstag in Berlin. Aber dort befand sich nur noch ein großes Loch mit Eingängen zu Hunderttausend anderen Löchern. Hier kamen sie also auch nicht weiter. »Wohin denn nun?«, fragten sich die beiden Polizisten verzweifelt. Dem Herrn Müller fiel schließlich nur noch ein letzter Ausweg ein, wie sein Kollege doch noch zu einer Strafe kommen konnte.

Einen ganzen Tag und einen Halben waren sie mittlerweile unterwegs gewesen, als sie wieder in der verdreckten Küche ankamen, wo noch immer unberührt die Leiche des armen Jungen lag. Der Leichenbestatter war wohl nie losgefahren. Und hier sollte aber nun Polizeihauptkommissar Johann Schulz von seinem Kollegen Ernst Müller gerichtet werden. So war es ausgemacht.

Es ging dabei alles sehr schnell und reibungslos: Schulz kniete sich hin und blickte auf das schwarze Loch direkt vor seinen Füßen. Da drunten konnte man indessen schon das gierige Tapsen und Lechzen von gewissen Wesen hören. Wenn er starb, würde sein Körper dort hinunter fallen und für alle Ewigkeiten von undurchdringlicher Schwärze verschluckt werden – vereint mit dem Rest der Menschheit.

Schulz lachte jedoch nur über diesen Gedanken, als ihn die Kugel endlich von hinten traf und er lachte auch noch, als sein Körper schon weit weg in der tiefen Erde sich befand. Selbst nach ein paar vergangenen Stunden drang noch ein heiseres Gekicher von unten zu seinem Kollegen herauf.

Dieser wollte sich aber noch einmal vergewissern: Mit ungeschickten und nervösen Bewegungen huschten seine Finger über die vertappte Handytastatur:

»Kein Anschluss unter dieser Nummer….Piep«, danach versuchte er es beim Justizpalast:

»Kein Anschluss unter dieser Nummer…Pieeep«, hierauf bei allen seinen Arbeitskollegen in der Polizeistation:

»Kein Anschluss unter dieser Nummer…Pieeeep«, gefolgt von seinen Eltern:

»Kein Anschluss… Pieep… Guten Morgen, wo sind denn alle ihre Freunde hingekommen?« Müller antwortete der fremden Stimme nicht und tippte stattdessen die nächste Nummer, die letzte Nummer, die endgültige Nummer, die Nummer seiner Familie:

»Kein Anschluss unter dieser Nummer… Pieeeeeeepppp. Kein Anschluss unter dieser Numm…«

Mit einem gebrochenen Schrei warf Müller schließlich das Handy in den Abgrund zu seinem lachenden Kollegen hinunter und sah hinauf zum wolkenverhangenen Himmel. Ein einzelner Sonnenstrahl brach dort zaghaft durch das graue Zwielicht. Erst jetzt bemerkte Müller, dass er der letzte Mensch auf diesem Planeten war.

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