Schwarzflügel Band 1: Die Erben des Allthrones / Buch 1 / Kapitel 1 / Teil 1

Desert landscape with rocky spires, glowing plants, ancient ruins, caravan of travelers, two moons in green sky


Buch 1: Empfangen und genähret

Gerichtsprotokoll aus den Archiven der Hauptstadt: Dokument HV3/01, S. 12. [Betreffend: Verkürzte Gerichtsverhandlung über die Führerin des »Schwarzen Regens« / Datum: 26. Tag im 4. Monat, Remandni, der Größten Gnade, Ex.II.23591]

Richter und Vorsitzender Dominus Bracker: Die Angeklagte und der Saal erhebe sich! Ich verlese nun die Hauptpunkte in der Sache: Ritter des Reiches, Amalia von Tiefenfall, die Anklage gegen euch lautet auf Befehlsverweigerung, Untreue im höfischen Dienst, Mord an zahllosen Unschuldigen und am schwerwiegendsten: Hochverrat an der Krone und am Volke! Das geforderte Strafmaß durch die Stimme des Königs ist die Brechung des Körpers am Rade mit nachfolgendem Tode durch das Abtrennen des Kopfes von den Schultern. Auf was plädiert die Angeklagte?

Die Angeklagte A.: …Schuldig!

Kapitel 1: Exil [悪夢]

Elf-Richter-Vorgebirge, Exilwelt Drathin, Grenzreich Haifun

15. Tag im 3. Monat, Heodni, der Freudigen Verkündigung, Ex.II.23596

Landschaften – genau wie die Menschen – haben alle ihre ganz eigene Persönlichkeit. Oder genauer gesagt: Es sind gerade die Landschaften selbst, die die Seelen von ganzen Menschenvölkern nach ihren ewigen Wünschen formen, die sich in gleißenden Wüsten, tiefen Ozeanen, himmelhohen Bergen, klaren Seen und nebligen Tälern in unergründlicher Rätselhaftigkeit ausdrücken. Zumindest war es so gewesen, als die Menschheit noch in der technologischen Wiege lag, fernab von den Strömen, hinter der Grenze, jenseits der Ewigen Leere, die die zwei Universen teilt. Nicht einmal Feuer hatten sie! Dieses musste ihnen erst gegeben werden.

So hatte es Amalia von Tiefenfall, Kaschun des Schwarzen Regens, einstmals von Prinzessin Tschiiko gehört. Die Natur war eine grausame Mutter und der Mensch ein missbrauchtes Mündel. Mit gebrechlichen Knochen, nackt, ohne Fell und ohne Schuppen, dabei nur mit einem Stein bewaffnet; so ging der Mensch jedoch irgendwann daran, sein Geburtsrecht zu erobern. Die rasende Veränderungswut von Magie und Technologie begann und er gewann auch das Herz, sich eine eigene Seele zu schaffen.

Welche Landschaft wohl eine solch vermessene Persönlichkeit formte? Wohl kaum ein himmlisches Paradies – selige Lüfte und süßes klares Wasser – nein, es mussten Feuer und verbrannte Erde gewesen sein; die gierende Glut im Hochofen, die alle Unreinheit ausbrannte und Silber von Schlacke trennte – eine elende Existenz im Exil wie auf Fragment Drathin III, die Welt der Ausgestoßenen und Verbannten, die Amalia gerade mit ihren letzten verbliebenen Verbündeten durchquerte.

Die endlosen Wüsten und schroffen Schluchten der Drathinischen Exilwelt befanden sich dabei so nah an der Grenze, dass man selbst bei dieser verpesteten Luft jene mit bloßem Auge vom Boden aus sehen konnte: die Hände und Arme von unbekannten Riesen, die hinter den lichtreichen Welten lauerten und begehrend nach Beute griffen. Amalia blickte nach oben. Der Himmel war grau und trübe und dennoch wusste die Kaschun des Schwarzen Regens: Sie war da, hinter den Wassern des Himmels und vielleicht noch Dreihundert und Dreitausend Maß Riesenarme dahinter: die Ewige Leere und ihre unwägbar tückischen Verderbnisse, die nur einmal in allen Zeiten durchschritten worden war.

Aber es waren tatsächlich nicht die Gefahren jenseits der stürmischen Himmel, die sie sorgten. Das Knattern und Wummern des mächtigen Motors der zweirädrigen Stahlrad Koukaido – die verlangende Liebe des imaginierten Geliebten und seine Stöße hatten wahrlich kein Mitleid mit ihren wunden Schenkeln – zogen ihren Blick zurück hinab auf den Boden. Die Bedrohung auf Darbend Drathin, wie die Exilwelt von den Sträflingen und Einheimischen genannt wurde, war zu keinem Zeitpunkt weniger als einen Steinwurf weit entfernt. Und genau deshalb erweckte ihre neue Heimat in der Fremde in Amalia beständig eine vage Anwandlung und ein Gefühl von mutloser Verlassenheit und Demut. Ja, die Uralte aus der Rasse der schwarzgeflügelten Antaloa fühlte sich tatsächlich klein und gering unter den zerklüfteten Felsmassen, deren steinernes Fleisch, vom ewigen Säureregen wie hässliche Narbengesichter entstellt, gegen den düsteren Sturmhimmel glotzte. Und auf ihrem sterblichen Stolz legte sich der dräuende Schatten, wenn über ihren Köpfen die massiven Plateau-Platten sich wie Schuppen einer gigantischen Drachenbestie übereinander schoben, um ein löchriges Dach für das blutrünstige Ökosystem darunter zu bilden. Jegliche Vermessenheit musste wegschmelzen und musste sich verkriechen vom unterdrückerischen Krachen der niemals aufhörenden Donnerblitze. Und wäre sie ehrlich zu sich selbst gewesen, hätte sie es sofort laut gestanden – auch wenn natürlich so etwas unvorstellbar wäre vor den eigenen treuen Kriegern –: Ja, Amalia von Tiefenfall, Kaschun des Schwarzen Regens und letzte der Schwarzen Schwestern, hatte Angst.

»Hier Infokrieg BABA/303 Meldung… An… 3… Kaschun… biomechanische Signatur entdeckt… etwas Großes…« Die Stimme in ihrem Ohr war stark verzerrt. Der plärrende Fahrtwind, das Brummen der Koukaido-Stahlräder und der grottenschlechte Empfang in den tiefen Schluchten machten es nicht leichter für die Führerin der Verbannten, die neue Lage zu erfassen.

»Hier Jäger 030. An Infokrieg BABA/304: Bitte um Wiederholung: Etwas Großes? Forderung: Exakte Eingaben! Zahl: 301. Schlüsselzeichen: Pestbeule: Zahl: Zahl: 403 Schlüsselzeichen: Mutant aus Shi? Forderung: Exakte Positionsbestimmung! Jäger 030 Ende.«

Keine Antwort. Nur Wind und Heulen.

»Hier Jäger 030: An Infokrieg: Antworten… Biankka! Bei allen Heiligen!…«

»Hier Infokrieg BABA/303 an Jäger 030…« Für einen Moment nur drang die ruhige, professionelle Stimme rein und klar durch die Muschel des Helmkoms. »Präzisiere vorherige Angaben: Exakte Positionsbestimmung von aufgefundener Biomech-Signatur ist Fünfpunktdrei Riesenarme Ost, Dreipunktdrei Riesenarmee Nord, Vektorlänge: ca. Sechspunktzweivier. Meine Mathemagica-Berechnungen lassen nur einen Schluss zu, Kaschun. Zahl: 090, Schlüsselzeichen: Majestät.«

Ein Raunen wurde über das Funknetzwerk der kleinen sechsköpfigen Truppe übertragen und Amalias Herz vereiste. Sie zögerte dennoch nur kurz. Sie hob ihre rechte Faust und drehte sachte die Geschwindigkeit ihres knatternden Kettenrades herunter. Die schwere Koukaido unter ihren Schenkeln kam zum stehen. Der Trupp, der ihr in einer Speerformation durch die verzweigten Felsschluchten nachgefolgt war, tat es ihr in militärischer Synchronisation nach.

»Infokrieg… Datendeuterin Biankka… Du bist dir sicher?«

»Die Messungen sprengen das Metrum, Kaschun. Kein Zweifel.«

Amalia zögerte noch einmal.

»Ist es jung – oder alt?«

»Ich erkenne keine der Standard-Signaturen Buocha Teschs im Frequenz-Muster. Es könnte sich zwar um eine Geheimentwicklung handeln, Kaschun, aber…«

»Du denkst, es ist eine Alte Majestät.«

»Ich schlage vor, Kaschun, die Jagd abzublasen. Das Risiko von Verlust an Leib und pneumatischer Integrität ist zu hoch.«

»Das zu entscheiden obliegt mir, nicht dem Infokrieg.«

»Jawohl, Kaschun, ich bitte um Verzeihung, Kaschun. Infokrieg BABA/304 Ende.« Biankkas Stimme knackte ein letztes Mal im Helmkom, dann war die Kaschun allein mit ihren Gedanken. Sie seufzte schwer. Aber die Entscheidung musste schnell getroffen werden, denn die Not trieb die letzten Überreste des Schwarzen Regens über das von Sturm- und Wind-gepeitschte Antlitz von Darbend Drathin – und nicht die Gier.

»Hier Jäger 030, Zeichen Kaschun: Wir gehen weiter. Startet die Motoren und bildet Formation 8/4.«

Amalias Haut war schweißnass und sie kochte förmlich unter der engen Kluft und dennoch gab sie das Zeichen zum Aufbruch. Die Motoren hinter ihr blieben still.

»Is ees uns das Wert… das BSM meen ich.« Die tiefe Stimme grummelte düster in ihr Ohr. Zuviel haifunischer Reiswein und billige, filterlose Chishan-Zigaretten hatten dem fähigen Vertrauten der Kaschun und langwährenden Kriegsgefährten, Benico, über viele stürmische Jahre hinweg die Stimme gut geölt. Dazu kam noch das für einen Soldaten erstaunlich fortgesetzte Alter von 72 Jahren. Mittlerweile hatte selbst Amalia, die mit Benico schon durch die Feuer von Kayl Fern gegangen war, Mühe, den Veteranen zu verstehen.

»Wir brauchen Vorräte, Ausrüstung… Medizin. Diese Ninmu ist kritisch, Herr Ko-Kaschun. Scheitert sie, sterben wir.«

»Ich verstee schon, so issenich, Kaschun. Wir brauchma BSM und Fleisch unso für die Außenwelt-Schmuchler… Ihr müssmich nich dran erinnern, warum wir durch die Arschritz des Zeetschans kriechn… Aber ne Majestät angreefn? Mit unsarer Zahl und Ausrüstung? Ich schlagvor, wir fahrn drumherum… Kaschun. Weetläufig…«

Amalia seufzte, doch sie gab ihrem Zweiten Recht.

»Hier Jäger 030, Zeichen Kaschun: Wir suchen einen Vektor am 090 vorbei… Und wir bleiben auf Abstand zu unserem unbekannten Freund. Infokrieg hat etwa Sieben Riesenarme vor uns ein Vorkommen von BSM festgestellt. Unser Treibstoff ist ausreichend, um dieses Vorkommen zu erreichen und wieder ins Basislager zurückkommen«, erwiderte sie. »Wir jagen weiter.«

»Wir jagen wohl…«, erwiderte ihr Ko-Kaschun. »Das tun die aber auch…«

Die Kaschun sah die vage deutende Geste ihres zweiten Mannes in ihrem Rücken nicht, aber sie wusste, wovon er sprach. Auf Drathin waren die Menschen nicht die Könige der Nahrungskette, sondern Fußabtreter.

»Beschwerden, Herr Ko-Kaschun?«

»Neen, Kaschun. Es leebe der Tod.« Mit grimmiger Entschlossenheit, die an resignierter Todesverachtung grenzte, drang die Stimme Benicos an ihr Ohr.

»Dann Maul zu und Fuß aufs Pedal! Jäger 030: Es geht weiter! Noch bevor es dunkel wird. Wir sind Löwen, Männer, holen wir uns unser Fleisch! Wer soll uns geben, wenn wir nicht unsere Beute selbst von den Himmeln fordern!« Amalia rief und hob ihre Faust, während ihre letzten Getreuen ihr folgten und düster hallte das Echo der kehligen Männerstimmen von den Felsenwänden wider:

»Jawohl, Kaschun. Es lebe der Tod!«

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