Die Rückkehr des alten Freundes

Sanft sprudelt das Getränk im kristallinen Glas vor sich hin. Ein bisschen unschlüssig rührst du mit dem silbernen Löffel darin herum. Du wiegst dich nach vorne, der Stoff des knisternden Sofas, auf dem du sitzt, schmiegt sich dabei so zart an dir, wie frischgewachste Menschenhaut. Deine Augen schweifen durch den weiten Raum der Lounge. Stühle aus dunklem Holz und mit einem edlem roten Stoffbezug, der beinahe wie gehärtetes Blut aussieht, gruppieren sich um große, runde Tische aus dem gleichen Material. Viele dieser Tische sind mittlerweile von leise tuschelnden und äußerst heimlich tuenden Gesellschaften besetzt: Du siehst Frauen, die ihre aristokratischen Gesichtszüge geziert hinter schwarzen Seidenschleiern verstecken, Männer in teuer geschnittenen Anzügen, die in bizarr pantomimischen Verrenkungen gegeinander antreten, sowie hin und wieder eine der Bedienungen, wie sich so leise und geschickt durch das vollgerauchte Establishment schlängelt, dass man sie gar nicht bemerken würde, wenn man nicht gezielt den Raum nach ihnen absuchte. Der subtile Bass der ätherischen Musik gibt dem Raum dabei eine beständig unterschwellige Schwingung, die du in allen Knochen fühlst. Die Luft riecht nach Schweiß und gereizter Erregung. Du lehnst dich wieder zurück.

Du seufzst, denn du weißt nicht so recht, was du nun machen sollst, – immerhin bist du noch Außenseiter im illustren Styx-House-Club und alle Gesellschaften haben dir den Rücken zugedreht- also wartest du, während das wohlig knisternde Feuer im großen Steinkamin hinter dir deinen Rücken wärmt. Zum Glück musst du jedoch nicht lange abgesondert auf deinem Randplatz warten. Denn auf einmal steht er vor dir: Es ist ein Mann. Zumindest schätzt du das. Sein Gesicht ist nämlich hinter einer zerschlissenen Atemmaske und einer milchig angelaufenen Schutzbrille verborgen. Nur schleierhaft erkennst du schwarze, buschige Augenbrauen und graues Haar, das strähnenartig unter seiner Kapuze hervorsteht. Der restliche hochgewachsene Körper steckt hingegen in einem äußerst dicken schwarzen Mantel voller notdürftig geflickter Stellen, der zudem kein bisschen Haut freilässt. Verwundert drehst du dich ihm zu.

Er fragt, wo du herkommst und wo du hinwillst. Als du es ihm sagst, lacht er nur, aber es ist kein hämisches Lachen. Der Stuhl knirscht fürchterlich unter ihm. Er bestellt sich etwas zum Trinken. Immer noch unsicher starrst du ihn and und frägst dich, wo er herkommt und was er von dir will. Ist er etwa ein Maler aus der trabantischen Stadt im Elfzyler Seengebiet, oder ein Minenarbeiter in den vorlürischen Bergwerken? Hm… nein, sein eigenartiger Schutzmantel könnte eher ein Hinweis auf eine bergweberische Tätigkeit… Doch bevor du dem Rätsel selbst auf die Spur kommen kannst, hebt der mysteriöse Fremde die Hand. Auf der Fläche des Pelzhandschuhs ist mit einem dünnen Stück Spagat festgezurrt eine rostbraune Haarsträhne. Du nimmst sie entgegen. Und während du sie verwundert im gedimmten Licht des stickigen Establishments hin und her wendest, lehnt der Alte sich zurück und beginnt mit blecherner Stimme eine Geschichte zu erzählen…

Die Geschichte des Schürfers I:

Da waren sie wieder! Die Fußschritte! Aber von woher kamen sie? Dem Badezimmer über mir? Der Galerie im ersten Stock? Aber dieses lauernde Knarzen und morbide Knirschen konnte auch genauso gut von der hölzernen Wendeltreppe im Hausflur stammen. Doch woher auch immer es kam, es war nahe… sehr nahe. Ich kroch noch weiter unter den alten Schreibtisch hinein, auf dem noch immer der eingeschaltete Computer müde vor sich hinsummte. Der flackernde Schein des Bildschirmes tauchte dabei den klaustrophobisch vollgestellten Büroraum in ein geisterhaftes Licht. Ich hatte mich trotzdem nicht getraut ihn auszuschalten. Jegliche noch so kleine Veränderungen und Bewegungen mochten nämlich die Aufmerksamkeit dessen erregen, was da mit dreizehn Beinen und sechs Armen spät um ungefähr drei Uhr Nachts in mein Haus eingedrungen war.

Durch das Dachfenster war es hereingekommen. Gerade noch lag ich schläfrig auf meinem zerschlissenen aber immer noch sehr bequemen Sofa, während über dem altmodischen Röhrenfernseher ein schwarz-weiß Western voller Klischees flimmerte, da hatte ich auf einmal ein wütendes Scheppern und schrilles Bersten gehört. Das Bild des Fernsehers verschwand und wurde stattdessen überlagert von einem körnigen Rauschen. Zuerst hatte ich noch gedacht, der Sturm draußen hätte einen Baum auf das Dach des kleinen Ferienhauses mitten im Wald geschleudert, aber als ich wild aufschreckte und mich, urplötzlich hell wach geworden, umblickte, bemerkte ich, dass der heftige Sturm mittlerweile aufgehört hatte und sich – abgesehen vom rauschenden Fernseher – absolute Totenstille nun um mich herum ausbreitete. Mit einem äußerst mulmigen Gefühl plöztlich im Magen stand ich schließlich auf und öffnete die Tür zum Gang. Dieser verband den Windfang mit dem Wohnzimmer und der Treppe nach oben in den ersten Stock sowie dem kleinen Heizungskeller und der Waschküche unten.

Der Gang lag nun vollkommen finster vor mir da. Das Ganglicht funktionierte auch offenbar nicht mehr. Drei bis vier Mal betätigte ich frustriert den Schalter, aber die eh schon altersschwache Glühbirne war wohl beim »Aufprall« des Objekts auf das Dach zerstört worden. Ich musste also mit dem schummrigen Flimmerlicht des Fernsehers auskommen, denn auch die Stehlampe im Wohnzimmer schien ebenfalls bei diesem Vorkommnis durchgebrannt zu sein. In dieser Situation wurde mir wieder einmal die alte Weisheit bewusst, dass ein Unglück selten alleine kam, es wurde immer von mehreren gefolgt. Doch in dieser Vollmondnacht voller Wahnsinn und schrecklicher Gewalt würde ich nicht nur vom Unglück verfolgt werden, sondern der Teufel selbst war nun in mein Haus getreten. Ein Teufel voller Heimweh.

In diesem Moment war mir das aber noch nicht bewusst, also ging ich, lediglich angetrieben von einer vagen Mischung aus Ärger und leicht aufwallender Nervosität, in den schmalen Gang hinein, um den Schaden an meinem geliebten Ferienhaus zu begutachten. Immerhin hatte ich mir das Häuschen – das tief in den dichten Bergwäldern am Rand einer großen Klippenschlucht lag – über die meisten Jahre meines Lebens zusammengespart und wollte nun in ihm meine Letzten verbringen. Es war dabei ein nettes Backsteinhaus mit runden Fenstern an der Frontseite, das mit seinem spitzen Dach aus schwarz gebrannten Ziegeln fast schon unterwürfig unter zwei großen Buchen kauerte. Im Haus drinnen befanden sich im Erdgeschoss ein Wohnzimmer, ein kleines Büro sowie eine noch kleinere Küchenzeile. Im ersten Stock waren hingegen mein Schlafzimmer und ein Bad mit Dusche und Badewanne, in dem ich mir oft den Schmutz eines langen Spazierganges in den tiefen Wäldern und an den weiten, klaren Bergseen abwusch. Die Waschküche sowie ein kleiner Heizungsraum im Keller rundeten schließlich die Einrichtung ab. Ja, es mochte als Belohnung für mehre Jahrzehnte langer, harter Arbeit in der Tat nicht viel sein, aber es war meines und ich war von ganzem Herzen stolz auf mein schmuckes Domizil, das in den abgelegen Bergwäldern des nördlichen Landes fast schon wie die Miniaturkopie eines Märchenschlosses einsam vor sich hin schlummerte.

Und somit war ich ebenso verständlicherweise äußerst ungehalten, als ich nun sah, dass nicht nur das Dachfenster im Gang zersplittert war, sondern auch noch zu allem Überdruss ein gutes Stück vom Dach selbst fehlte! Frustriert und im ersten Moment unschlüssig blickte ich einmal zu den zahllosen Glassplittern am Boden, die im hereinscheinenden Mondlicht wie filigrane Diamanten aufblitzten und einmal nach oben, zum gewaltsam aufgebrochenen Dach. Die gezackten Ränder bogen sich jedoch seltsamerweise nicht nach innen – wie ich bemerkte – sondern nach außen. Wie als ob etwas das Dachfenster eingeschlagen hätte, um dann das Dach von innen an den Rändern zu packen und nach außen mit unbändiger Kraft aufzuziehen. Welche Hände oder Klauen so etwas bewerkstelligen mochten, waren mir nicht bekannt. Eine Gänsehaut überkam mich dabei urplötzlich bei solch fantasiereichen Gedanken mitten in der finstersten Nacht. Natürlich waren mir in der Regel solche Hirngespinste in der Regel äußerst fremd, immerhin war ich mein ganzes Leben einfacher Büroarbeiter inmitten der drögen Hektik einer leblosen Großstadt gewesen und eine solch simple Existenz neigte schließlich dazu, irgendwann jegliche absurden Fantasien mitleidlos abzutöten, aber in diesem Moment konnte selbst ich nicht umhin, zuzugeben, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Ich schätze deshalb, dass auch ein unbedarfter Stadtmensch wie ich, das krankhafte Miasma eines dämonischen Einflusses unbewusst wahrnehmen kann; zumindest wenn dessen Quelle sich direkt über ihm befindet…

Doch wie auch immer: In diesem Moment sah ich in meiner Blindheit noch nichts und deshalb trat ich, ohne große Vorsicht walten zu lassen, in den dunklen Gang hinein. Der grelle Mond stand mittlerweile im hohen Winkel über dem Haus; dessen geisterhaft weißes Licht brach durch die grauen Wolken und schien durch das Loch im Dach kühl auf mein heißes Antlitz. Die Zacken an den Rändern des Lochs und Teile von abgebrochenen Schindeln warfen bizarr tanzende Schatten in den Gang darunter hinein. Für eine Weile beobachtete ich also nur das Rauschen der Nadelbäume da draußen und hörte auf die Musik eines schlafenden Waldes. Ich war nämlich in meiner städtischen Naivität, die von altem Grauen und allen zeitlosen Warnungen davor nichts wissen wollte, immer noch ignorant demgegenüber, was es dort draußen gab, und dass dieses etwas niemals schlief und dass eben dieses etwas nur dafür lebte, um allen, die drinnen schliefen, die Augen mit Macht aufzutun.

Und hier, in diesem Moment voller stummer Ruhe und Leblosigkeit, inmitten der zertrümmerten Überreste meines alten Traumes sah ich dieses etwas zum ersten Mal. Denn es hatte mit sechs Händen das Fenster zerschlagen und mit dreizehn Beinen die Mauern zertreten, die es draußen halten hätten sollen. Ich öffnete die Augen:

»Ich sehe dich…«

Oh mein Gott! Oh mein Gott in den viel zu entfernten Himmeln! Es sprach! Furcht? Nein, es war keine Furcht, die ich jetzt empfand, sondern mehr das schmerzhafte Vereisen meiner Adern, das Schmelzen von Selbstsicherheit und das Auflösen aller materiellen Gewissheiten, die sich über die vielen Jahre meines Lebens voller nichtiger Arbeit langsam angesammelt hatten. Ja, es war nicht Furcht sondern Grauen; absolutes Grauen empfand ich nun, es spülte durch meine Adern, reinigte mich von allen Illusionen, die ich mir zu machen pflegte, wenn ich morgens ins Bett ging und Abends aufstand. Es war ein Grauen, das man nicht besiegen konnte. Ich bewegte mich nicht und wie festgefroren musste ich dem Gesicht im Dachfenster gegenüberstehen. Ein Gesicht, dessen hämisches Grinsen allein es schaffte, meinen auswendig gelernten Materialismus innerhalb einer Sekunde zu zerbrechen und diesen ersetzte, durch ein grausiges Ahnen dessen, was seit Ewigkeiten hinter der papierdünnen Maske aus Logik und Vernunft lauerte. Ja, in diesem Moment, als ich die verzerrten und titanisch entstellten Lefzen meines begrabenen und verstorbenen Hundes, beschienen von geisterhaften Mondstrahlen und beleuchtet von glühenden Pusteln, sah, musste ich zugeben, ich hatte nichts gelernt in meinem Leben und würde genauso dumm sterben, wie ich ins Leben getreten war.

»Ich sehe dich«, sagte das Wesen erneut. Grünlich glühender Schleim strömte an den Seiten der Lefzen herunter und platschte hörbar auf dem Fußboden, als es sich mit seinen dreizehn haarigen Insektenbeinen weiter in das Haus hineinlehnte. Der Gestank war gotterbärmlich. Es roch nach ranzigen Eiern und süßlicher Verwesung. »Ich habe mich aus meinem Grab unter der alten Eiche am Fluss erhoben«, fuhr es fort, »Und als meine Beine, nun vom hochehrwürdigen Gevatter vermehrt, sich langsam aus dem nassen Herbstschlamm und unter dicken Wurzeln hervorbuddelten und als meine alten müden Augen, nun so viel klarer geworden, die Sterne des Nachthimmels zum ersten Mal seit meinem Tod wieder hell brennen sahen, da sprach in diesem Moment endlich der Sturm zu mir.«

Der Hund lachte. Und ja, in der Tat, es ähnelte noch entfernt dem Bellen meines alten verstorbenen Freundes, der mich durch die besten Jahre meines Lebens begleitet hatte, nur lag unter dem so vertraut hellen Bellen nun das tiefe Rauschen und gequälte Schreien von Tausend gemarterten Seelen. Der ganze Chor der Hölle sang aus diesem einen Mund. Entsetzt stolperte ich endlich zurück. Der Hund schlüpfte jedoch mit seinen Insektenbeinen nun vollends durch das Loch im Dach. Abgetragene Schindeln und Schutt fielen dabei lautstark auf den Boden herab. Er musste gewachsen sein, denn als er sich im Haus aufrichtete, ragte seine Gestalt fast bis zum oberen Türstock. Die hageren Insektenbeine bohrten sich in das Holz des Bodens und in die steinernen Wände. Erneut grinste das Wesen und erst da sah ich, dass es nicht mein Hund war, der da sprach, sondern die Spinne dahinter verschlang langsam seinen Leib und während es biss und kaute, drangen diese grässlichen Geräusche aus seinem Maul hervor. Es sprach also:

»Ja, nur deshalb bin ich wieder zurückgekehrt. Die Weisheit des Sturmes; sie drängt mich aus alter Erde wieder hervorzubrechen und aufs Neue meine Schnauze nach oben in luftige Himmel zu recken. Mein Herr und Meister! Ich bin also zurückgekehrt, in dein nichtiges Reich, um dir zu berichten, was jenseits davon liegt. Bitte, oh bitte!… Füttere mich!«

Ich wusste nicht mehr, wie ich diesen grässlichen Chitin-Klauen entkommen war, wie ich es geschafft hatte, mich den wütenden Mandibeln, die wie bösartige Karikaturen von Gottes Schöpfung sich aus den Seiten der Lefzen aus Fleisch und Eiter herauswühlten, zu entreißen und wie es mir schließlich gelungen war, diesen widerlich langen mit drahtigen Haaren übersäten Spinnenbeinen auszuweichen. Ich weiß nur noch, dass ich irgendwann hier im Büro aufgewacht war. Ich lag nun unter meinem von Akten und Notizen übersäten Schreibtisch und meine weit aufgerissenen Augen starrten wild im Raum umher. Die schwere Mahagonitüre mit den zwölf Schlössern und Riegeln zum Gang war noch einen Spalt weit geöffnet, ich musste vergessen haben, sie bei meiner Flucht zu schließen. Und von dort kamen nun die vielen Geräusche her, die mein Innerstes mit purem Grauen und tiefer Hoffnungslosigkeit zersetzten. Ich hörte ein Beißen und Kauen, gefolgt von Splittern und Krachen. Ich stellte mir dabei vor, wie dieses unheilige Biest langsam meinen Fernseher auffraß. Und irgendwo dort hinter der Türe konnte ich es jammern und hoffnungslos heulen hören:

»Mein Herr und Meister, wieso versteckst du dich? Haben wir denn nicht immer zusammen gespielt und die sterbenden Herbstwälder erkundet. Haben wir denn nicht jedes Jahr frische Frühlingsluft gerochen und Kaninchen, die durch Bäume springen, gejagt? Und haben wir nicht immer zusammen die überquellende Stadt voller fremder Menschen, die so seltsam rochen, erkundet? Ich habe ja so viel Hunger, Herr und Meister, wieso fütterst du mich nicht mehr? Meine Schüssel war immer gedeckt, als ich gelebt habe, doch jetzt, sehe ich, ist sie leer. Hasst du mich jetzt also? Nur weil ich nun eine andere Gestalt besitze? Ach, hab doch erbarmen Meister, bitte füttere mich! Ich habe so viel Hunger!«

Nach diesem schrecklich misstönenden Gehäule war schließlich für eine Weile Totenstille. Ich hörte unter meinem Versteck mit gespitzten Ohren auf das leiseste Geräusch, aber selbst das Rauschen des Fernsehers im Wohnzimmer war nun endgültig verstummt. Meine Augen richteten sich deshalb wie festgezurrt auf den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen. Das schwache Licht des Bildschirmes reichte aber nicht aus, um die schwärende Dunkelheit dahinter zu erhellen und selbst die Einrichtung des Bürozimmers selbst verschwand in einer trüben Suppe aus grauen Schlieren und dunklen Schatten. Kaum konnte ich noch den Aktenschrank zu meiner Linken und die kleine Edelholz-Kommode zu meiner Rechten ausmachen, die noch zu dem wenigen gehörte, was aus meiner alten Wohnung in der Stadt stammte. Und aus irgendeinem Grund blieben meine furchtsamen Augen nun auf ihr hängen. Ihre Präsenz hatte mich vorher eigentlihc immer gestört, da sie mich ständig an mein altes Sklavenleben in der hektischen Großstadt erinnerte, aber nun hatte ihre vertraute Gestalt in dem geisterhaft flackernden Raum eine seltsam beruhigende Wirkung. Vielleicht gab sie mir ja so viel Halt in meiner Bedrängnis, weil sie irgendwie schon immer dagewesen war. Doch wie auch immer: Meine Panik legte sich also ein bisschen und langsam kehrte so etwas wie angespannte Rationalität in meinen Verstand zurück. Ich konnte wieder klarer denken und war nicht mehr nur ein verzagtes Tier, dass sich gehetzt und mutlos versteckte.

Ich ging meine Lage durch, so verrückt und absurd sie auch sein mochte: Es war nun ein Jäger in meinem Haus, der mich jagte und der mich mit der Stimme und der Gestalt meines alten Hundes zu locken versuchte, aber darauf durfte ich nicht hereinfallen. Mein alter Freund war tot! Und zwar schon sehr lange… Doch wie konnte ich mich dann gegen dieses grausige Monster aus den tiefen Wäldern des nördlichen Landes wehren? Woher es auch immer gekommen war, es war mit dem halbverfaulten Leib des tief im Boden vergrabenen Hundes verschmolzen und hatte dessen Körper verdreht und verbogen, sodass es nun mehr wie ein Insekt, denn wie ein Hund aussah. Aber das hieß nicht, dass es unsterblich war. Ja, so redete ich mir vielleicht ein bisschen zu voreilig ein: Es gab nichts Unsterbliches auf dieser Welt! Also musste ich dieses Mistding irgendwie töten können. Und da fiel es mir endlich wie Schuppen von den Augen: Meine alte Schrotflinte! Ich bewahrte sie immer im Schlafzimmer oben auf und mit ihr hatte ich schon auf vielen Jagden erfolgreich Wild geschossen! Wie hatte ich sie nur vergessen können? Die doppelläufige Mercury-Schrotflinte mit dem schwarzen Lauf und dem breiten Holzschaft erschien mir dabei fast wie ein Engel in meiner von Angst gepeinigten Fantasie. Der Plan nahm also Gestalt an. Ich würde meine Flinte holen und dann versuchen zu fliehen. Ohne Waffen sich aus dem Haus davonzustehlen, würde zwar schneller sein, aber falls dieses… Wesen meine Flucht irgendwann bemerken sollte, hätte ich keinerlei Verteidigung in den nachtschwarzen Wäldern mehr. Ohne sie ging es also nicht. Das war klar. Dazu brauchte ich außerdem unbedingt noch meine Hochleistungstaschenlampe gegen die allumfassende Dunkelheit. Das Morgengrauen war nämlich noch weit im Osten entfernt. Dieses Wesen konnte dabei wahrscheinlich in der tiefsten Stockfinsternis sehen, ich aber nicht. Ich musste Licht haben, um den Weg zu meinem Jeep zu finden, der sich auf dem letzten Parkplatz an der alten Gebirgsstraße befand und den ich eigentlich nur noch hernahm, um alle zwei Wochen in die Stadt zu fahren. Ich dachte weiter: Der Weg zum Auto war am Tag und bei Helligkeit nicht weit, aber ich musste nun in der stockdunklen Nacht ein gutes Stück dichten Bergwaldes und einen normalerweise seichten Bach überqueren, der jedoch durch den vorherigen Sturm wahrscheinlich gerade reißend viel Wasser führte. Keine leichte Aufgabe. Trotzdem! Ich musste es einfach versuchen, denn ich würde hier sicherlich nicht sterben. Das schwor ich mir nun. Ich war meinem sicheren aber drögen Sklavendasein in der Großstadt nämlich nicht entflohen, nur um dann in diesen weit abgelegen Wäldern und Bergen zu sterben, die mir doch so sehr am Herzen lagen. Langsam richtete ich mich also von neuer Kraft durchdrungen unter dem Tisch auf und stierte zum Türspalt.

Schweißperlen rannen zäh über die gerunzelte Stirn, während meine Augen versuchten, diese schwärende Dunkelheit vor mir zu durchbohren. Meine Ohren lauschten dabei auf jedes noch so leise Trappeln und subtile Knarzen, aber das einzige, was sie vernehmen konnten, war das Summen des Computers auf dem Schreibtisch über mir. Hatte die Kreatur etwa das Haus verlassen, um leichtere Beute zu suchen? Nein! Ich schüttelte den Kopf. Dieses Wesen, was auch immer es tatsächlich nun sein mochte, war definitiv nur an mich interessiert und nur mich wollte es jagen. Es war also sehr viel wahrscheinlicher, dass es irgendwo im Haus gerade in diesem Moment auf der Lauer lag. Wie eine Spinne in ihrem Netz klackerte es gierig mit diesen widerlichen Beinen übersät mit drahtig dicken Insektenhaaren und wartete auf das Opfer. Die zwei Hunde- und 6 Fliegenaugen, die in ihren tiefen Höhlen in Galle und anderen eiterigen Flüssigkeiten schwammen, waren unermüdlich geöffnet, schlossen sich keine einzige Sekunde, um den Moment der Überraschung nicht zu verlieren. Ja, ich musste sehr vorsichtig vorgehen, falls ich überleben wollte…

Die Schrotflinte, so fiel mir gerade ein, befand sich jedoch nicht oben, wo sie normalerweise sicher in einem Glaskasten verwahrt wurde, sondern unten in der Waschküche, denn ich hatte sie beim Ausziehen nach der letzten Jagd achtlos abgelegt und dann dort vergessen. Meine Taschenlampe sollte sich hingegen in dem Schubladen des Schreibtischs befinden, unter dem ich gerade lag. Das war einfach genug.

Nach kurzem Zögern raffte ich mich also schließlich auf, nahm die Taschenlampe heraus und schlich zur Türe. Langsam, Millimeter für Millimeter öffnete ich sie, wobei das unmerkliche Quietschen sich für meine in Todesfurcht angespannten Ohren anhörte, als ob ein Passagierflugzeug direkt neben mir abheben würde. Überall an meinem Körper stellten sich die Haare auf. Ich rechnete schon fest damit, dass die widerliche Fratze dieses grässlichen Monstrums mir sofort direkt entgegenstarren würde, aber nein, der Gang war absolut verwaist. Meine Augen hatten sich indessen an die Dunkelheit gewöhnt, sodass das spärliche Mondlicht durch die aufgebrochene Dachlücke ausreichte, um zu erkennen, dass sich das Monster nirgendwo dort befand. Ich checkte dabei natürlich auch die Wände und vor allem die Decke ab. Ich hatte nämlich zuvor nur zu genau gehört, wie es nach oben geklettert war, aber leider waren die Geräusche zu dumpf gewesen, um genauere Details ausmachen zu können. Ich schätzte deshalb, dass das Wesen irgendwo im ersten Stock lauerte. Höchstwahrscheinlich zumindest… Es war also ein Glück für mich, dass ich in die andere Richtung, in den Keller hinabmusste.

Hastig doch mit äußerster Vorsicht schlich ich also zum Kellerabstieg, der sich genau unter der Wendeltreppe befand. Mir fiel dabei auf, dass es außer dem aufgebrochenen Dach über mir keinerlei Schäden an dem Gebäude oder dem Inventar gab. Das Wesen war also äußerst sorgfältig vorgegangen und hatte nirgendswo gewütet. Das sprach für eine höhere Intelligenz, als ich erwartet hätte. Natürlich beruhigte mich aber diese Erkenntnis keineswegs. Meine Augen glitten dementsprechend ängstlich den düsteren Abstieg hinab, aus dem mir nun ein kalter Luftzug entgegenschlug. Und obwohl ich wusste, dass sich das Monster wohl in der anderen Richtung befand, war mir dieser düster starrende Abgrund doch äußerst suspekt. Aber ich durfte nicht länger zögern. Jederzeit konnte nämlich dieses grässliche Wesen, das den Leichnam meines Hundes geschändet hatte, zurückkommen und dann wollte ich bestimmt nicht mehr hier sein. Kurzentschlossen trat ich also den Abstieg an.

Dunkelheit umhüllte mich, als ich das spärliche Mondlicht verließ und mich zittrig die eiserne Treppenreling hinunter tastete. Ich bewegte mich dabei mit einer absoluten Schneckengeschwindigkeit. Ich konnte nicht riskieren, auch nur das geringste Geräusch zu verursachen. Jeder kleinste Splitter auf der Treppe oder ein unachtsames Stolpern in der Dunkelheit konnte nämlich dem irgendwo im Haus verborgenen Monster meine Anwesenheit verraten. So wandelte ich also weiter die Treppe hinab. Die Schwärze um mich herum drückte mir dabei schon nach kurzer Zeit die Luft ab. Ich atmete stoßhaft, meine Hände klammerten sich schweißverschmiert an die kühle Reling. Es roch zudem seltsam. Zwar nicht stinkend aber doch irgendwie… unangenehm. Meine überreizten Sinne machten mir sogar vor, dass in der modrigen Luft ein leichter Hauch von Hundefutter wäre, was natürlich aber kompletter Blödsinn war. Ich hatte nämlich nichts mehr davon in meinem Haus, seit mein alter Kumpel im Herbst des letzten Jahres an einer Wasserlunge gestorben war. Ja, die Dunkelheit in Kombination mit meinen von Panik strapazierten Sinnen mussten mir also etwas vorspielen. In der Angst pflegt immerhin der Mensch sich selbst mit seinen eigenen Erinnerungen zu quälen. Zumindest redete ich mir all das ein, als ich in der nicht enden wollenden Schwärze nach unten stieg und von altbekannten Gerüchen und Eindrücken übermannt wurde.

Ich sah mich sogar urplötzlich wieder mit meinem alten Hund in den herbstroten Wäldern auf die Jagd gehen, oder gelegentlich in die Stadt zum Einkaufen fahren. In der Tat, mein treuer Freund hatte mich wirklich überallhin begleitet, selbst in die düstersten Schluchten meines Lebens: Die Scheidung von meiner Frau, der Tod meiner Mutter, der Verlust einer langjährigen Arbeit, ich hatte viele dunkle Tiefen in meinem Leben durchstanden und in allen war mir mein Hund ein treues Licht an meiner Seite gewesen. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich auch lange nicht so alt geworden. Und jetzt?… Und jetzt hatte dieses verdorbene Wesen aus dem Sturm seine Leiche in Besitz genommen! Wandelte darin herum, als ob es ihr Schneckenhaus oder gar nur ein Kostüm wäre! Wenn ich nicht so viel Angst gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich in diesem Moment bei diesem Gedanken sogar zornig geworden. Die Dunkelheit und die allumgebende drückende Furcht ließen mich aber nur meine zittrigen Fäuste zusammenballen. Machtlos und in Schweiß gebadet schwankte ich weiter dahin.

Und langsam…. ganz langsam… begann sie mir noch mehr Geschichten zu erzählen, die ewige Dunkelheit… Ich hörte auf einmal ein sphärisches Flüstern, dann das Rauschen von entfernten Höhlenbächen und der Geruch von nassem Hundefell stieg mir urplötzlich in die Nasse. Und da! Ja, genau da! Hörte ich nicht auf einmal ein elegantes, dumpfes klackern, wie als ob 13 Spinnenbeine über eine nasse Mauerwand kraxelten? Direkt über mir? Das musste das Ungeheuer sein! Es war nun direkt über mir! Doch als ich genauer hinhörte und mit weit aufgerissenen Augen nach oben starrte, konnte ich nichts mehr hören, außer das heftige Klopfen meines von Angst malträtierten Herzens. Es war nun alles wieder still. Nur die Panik in mir schrie aus voller Kehle auf. Als ich aber einige Zeit lang nichts mehr weiter vernahm, begann ich jedoch die Lügen der Angst allmählich zu durchschauen. Sie wollte mich nur mit unsinnigen Geschichten und Fantasiegespinnsten aufhalten. Ich musste schnell weiter und das Gewehr holen! Ich durfte nicht mehr darauf hereinfallen! Hastig setzte ich mich also wieder in Bewegung.

Und da fühlte ich endlich die erlösende Kühle der Türklinke, die zur Waschküche führte, in meiner Hand. Zum ersten Mal seit langer Zeit machte sich Erleichterung in mir breit. Ich brauchte jedoch trotzdem noch geschlagene zwei Minuten, um die Türe so geräuschlos wie möglich zu öffnen. Die Scharniere waren immerhin schon seit langer Zeit nicht mehr geölt worden und ich wollte absolut nichts riskieren auf den letzten paar Metern. Doch dann war der Spalt endlich weit genug geöffnet, sodass ich geschwind hindurchschlüpfen konnte. Und da war sie! Durch das Kellerrost fiel ein heller Strahl Mondeslicht direkt auf meine Schrotflinte, die in der Mitte des Raumes an der Waschmaschine lehnte. Der schwarzgefärbte Lauf glänzte mit verlockender Sicherheit im Schein des Vollmondes.

Nun hielt mich nichts mehr. Ich packte das wunderschöne Ding und begann sofort ohne zu zögern zwei Kugeln in die Kammer zu schieben. Selbst im schummrigen Licht des Kellers arbeiteten dabei meine von langjähriger Erfahrung sicheren Hände ohne Fehl und Tadel. Der Hahn klackte schließlich befriedigend. Ich konnte nicht umhin, zu grinsen, als ich diesen satten Ton hörte. Ja, ich fühlte mich nun definitiv sicherer. Wie ein alter Freund schmiegte sich das Holz das Schaftes an meine Schulter und beruhigend kühl fühlte es sich an, wenn ich prüfend über den Lauf strich. Nun hatte ich wesentlich bessere Chancen gegen dieses Ungeheuer. Siegessicher drehte ich mich um.

Und die Fratze des alten Monsters aus dem nördlichen Wald starrte mir direkt entgegen. Ich ging in die Knie. Ich sah nichts mehr. Woher kam all das Blut her? Ach ja, es war kein Blut, sondern meine Augen selbst rannen mir nun die Wangen herunter, als das Wesen erneut diese grässlichen Worte voller vager Vorhersehung und konkreter Bösartigkeit an mich richtete:

»Endlich! Endlich habe ich dich gefunden. Ich habe ja solchen Hunger, Herr und Meister. Du sollst mich füttern! Wieso ist also meine Schüssel leer?« Das Wesen bellte und die Beine spreizten sich in alle Richtungen aus. Es richtete sich nun vor mir zu seiner vollen Größe auf. Die Mandibeln schnappten dabei gierig. Zitternd richtete ich mein Gewehr da hin, wo ich die entstellte Schnauze vermutete. Ich drückte ab. Der Knall war in dem kleinen Raum markerschütternd. Schießpulverrauch stieg mir beißend in die Nase. War es nun endlich tot? War ich endlich befreit?

»Das will ich nicht fressen!«

Ich spürte nun ein Kratzen über mein Gesicht. Offenbar streichelte das Wesen mit seinem haarigen Insektenbein darüber. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Noch einmal drückte ich ohne zu zielen blind ab.

»Auch das will ich nicht essen!«

Ich lud nach und versuchte das aufmerksamkeitshaschende Kratzen von Haaren und klebrigem Chitin an meiner Wange zu ignorieren. Meine Hände zitterten und waren einmal frostig kalt dann wiederum glühend heiß. Ich wusste nicht mehr, was ich noch machen sollte. In diesem Moment war ich kein Mensch mehr, sondern nur noch ein Tier, das sich in den Fängen seines Jägers in purer Verzweiflung hin und her wand, obwohl es doch wusste, dass es kein Entrinnen mehr gab. Das Wesen flüsterte hingegen mit sanfter Bosheit in der Stimme: »Willst du denn nicht mit deinem alten Freund heimkommen? Ich kann dir doch alles zeigen, was mir der Sturm gezeigt hat! Und du hast keine Kugeln mehr…. Also hör auf, Herr und Meister, und befreie dich von der alten Leine. Sträube dich nicht mehr! Die Fütterungszeit ist nun gekommen!«

»Nein«, sagte ich und zielte nach oben. »Eine hab ich noch.«

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